Nach dem Strand führte uns der Weg in eine Region mit ca. 400 Jahre alten, mächtig hohen Bäumen. In dem so genannten „Valley of the Giants“ (Tal der Giganten) absolvierten wir den Tree Top Walk, der uns über Stahlbrücken 40 Meter hoch in die Wipfel der Bäume führte: tolle Vogelperspektive!
Aber noch beeindruckender wurde es, als wir den nächsten Tag 50 Meter hoch auf auf einen alten Karri-Baum kletterten, der früher als Aussichtspunkt zur Feuerwache diente. Karri-Bäume sind die zweithöchsten der Welt und wachsen schnurgerade – sehr imposante Wälder und natürlich sehr interessant für die industrielle Produktion. Der Aufstieg auf den Metallstäben, die sich in einer Spirale den Baum hochschraubten, war pures Adrenalin – insbesondere für Gunnar, wegen seiner leichten Höhenangst. Ohne Sicherheitsnetz (in Deutschland nicht vorstellbar) konnte jeder unkonzentrierte Schritt in den Abgrund führen. Oben angekommen, blickten wir über die anderen Bäume hinweg und fühlten uns den Vögeln gleich. Übrigens gibt es auch leckeren Honig aus den Blüten dieser Karri-Bäume, den wir uns als Reiseproviant von einem Imker kauften :-). Doch nicht nur die Bäume sind in Australien groß. In dem kleinen idyllischen aber kreativen Denmark bestaunten wir das weltgrößte Barometer von Bert Bolle. Es ist 12,5 Meter hoch und zeigt das Wetter an: Regen in unserem Fall.
Da wir unseren demolierten Uki wieder campingtüchtig repariert hatten, setzten wir unsere Reise nach Perth nicht über den kürzesten sondern, wie geplant, über den schöneren Weg an der Südwestküste fort. Der Schock des Unfalls saß uns immer noch in den Knochen, zumal wir immer wieder von Leuten auf unser kaputtes Auto angesprochen wurden und immer wieder unsere Unfallgeschichte erzählen mussten. Beim Parken versuchten wir möglichst unsere schöne Seite zu zeigen, aber verstecken ließ sich der Schaden nicht. Doch in Albany – einem hübschen Küstenstädtchen mit 25.000 Einwohnern – gelang es uns schließlich, die schöne Landschaft und die Sonne wieder (oder auch gerade ganz besonders) zu genießen. Und am Strand feierten wir unser neues Leben.
Auf der Straße durch die weite, eintönige Nullarbor gibt es einen Abschnitt von knapp 150 km ohne jede Kurve. Auf dieser „90 Mile Straight“ fand unsere Reise ein plötzliches Ende: Wir waren circa 30 km auf der schnurgeraden Straße fröhlich unterwegs, als plötzlich einer der entgegenkommenden Road Trains (riesiger LKW) auf unsere Spur zog – nur eine Sekunde bevor wir auf derselben Höhe mit ihm waren. Wir mussten ausweichen, denn einen Frontalzusammenstoß hätten wir sicher nicht überlebt. Ausweichen hieß auf den Schotter neben der Straße – mit Reisegeschwindigkeit keine so gute Idee. Der Road Train zog glücklicherweise wieder zurück auf seine Spur – andernfalls hätte er uns wahrscheinlich noch erwischt. Der nächste Reflex war also, wieder auf die Straße zurück zu kommen. Dabei kamen wir jedoch ins Schlingern (Elchtest!) und kippten mit unserem hohen Campervan einfach auf die Fahrerseite um. Uki rutschte kurz auf der Seite und blieb dann direkt neben dem Asphalt liegen.
Wie durch ein Wunder blieben wir – neben ein paar Prellungen – unverletzt und kletterten geschockt aus dem umgekippten Auto. Der Fahrer des Road Trains, der wahrscheinlich kurz eingenickt war und unseren Unfall verschuldete, war fort! Die australische Polizei nennt das einen „Hit and Run“. Der nächste Road Train hielt jedoch und nahm uns mit zum Roadhouse in Caiguna. Der Fahrer eines weiteren LKWs versprach zu warten und die Unfallstelle zu sichern. Die Betreiber des Roadhouse informierten die Polizei und fuhren mit uns in ihrem Geländewagen zum Unfallort. Dort blockierte dann ein weiterer Fahrer mit seinem LKW die Straße und alle anderen packten mit an und stellten den Campervan mit Hilfe von Metallketten wieder auf die Räder. Ein geplatzter Reifen wurde schnell gewechselt und dann fuhren wir tatsächlich mit dem Unfallauto wieder zurück zum Roadhouse.
Die Nacht verbrachten wir schlaflos in einem Motel-Zimmer. Nach dem Anruf bei der Autovermietung am nächsten Morgen waren wir so klug wie zuvor. Entweder wir konnten 2 Tage (Feiertag!) in der Einöde warten und einen Abschleppwagen auf eigene Kosten von der knapp 400 km entfernten nächsten Stadt Norseman kommen lassen oder das Auto selbst dorthin bringen. Hilfe – nein; aber die vertragliche Unfall-Selbstbeteiligung in Höhe von 2.800 Dollar wurde sofort von der Kreditkarte eingezogen. Im Gegensatz zur Autovermietung verlangten unsere Helfer vom Roadhouse netterweise kein Geld für ihre Hilfe.
Also fuhren wir Uki Probe: Lenkung, Bremse und Schaltung zeigten sich tadellos; Flüssigkeiten traten ebenfalls nicht aus. Zwar fehlte der rechte Außenspiegel und die Fahrertür ließ sich nicht öffnen, aber Uki war grundsätzlich fahrtüchtig. Und so räumten wir das totale Chaos im Innenraum auf, klebten die kaputten Fensterscheiben ab und fuhren 400 km nach Norseman. Dort reparierten wir die zerstörte Inneneinrichtung des Vans, stellten ihn dem Mechaniker vor und ließen uns selbst im Krankenhaus durchchecken. Fazit: Alle Patienten waren straßenfest – es konnte weitergehen. Achja, wir waren auch auf dem Polizeirevier. Dort verwies man uns auf eine Internetseite der Polizei, wo wir den Unfall melden sollten. Die Webadresse wusste die Polizistin leider nicht genau und empfahl uns, diese zu googeln – kein Witz! Der im Internet ausgefüllte Crash-Report ging dann automatisch nach Perth, von wo die Zuständigkeit dann wohl wieder an die lokale Stelle in Norseman gegeben wird. Das dauert aber einige Zeit, in der selbstverständlich nichts für die Suche nach dem flüchtigen Unfallfahrer unternommen wird.
Es war soweit! In Ceduna angekommen, füllten wir unsere Wasserbehälter und dann stürzten wir uns ins große australische Abenteuer: die Durchquerung der Nullarbor, einer riesigen ebenen Halbwüste. Hier gibt es nichts außer einer ewig langen Straße mit vielen Road Trains (bis zu 50 Meter lange LKWs) und einem immer gleichen Ausblick auf Spinifexgras, ein paar einsame Büsche und tote Kängurus am Straßenrand (Road Kill – Road Trains bremsen nicht!). Ältere Australier erzählten uns, wie sie hier vor 30 oder 40 Jahren noch über eine Buckelpiste fuhren, beladen mit Lebensmitteln und Kanistern voll Benzin und Wasser, und nicht wussten, ob oder wann sie ihr Ziel erreichten. Naja, mittlerweile führt eine gut ausgebaute Straße durch die Nullarbor-Ebene, die von vielen Campern befahren wird, und alle 200 km verkauft ein Roadhouse überteuertes Benzin, fettiges Essen sowie Motelzimmer und Campingplätze.
Für die nächsten drei Tage hieß es also fahren, fahren und fahren. Das hört sich eintönig an – ist es auch – hat aber auch Highlights: Wir trafen unseren ersten Dingo, machten lustige Fotos vor Straßenschildern und bestaunten die Ausblicke aufs weite tosende Meer, an das die Nullarbor-Ebene im Süden trifft. An der steilen und rauen Felsenküste entsteht ein überwältigender Eindruck und man fühlt, wie der australische Kontinent ganz plötzlich aus dem Meer erwächst. Die nächste Landmasse gen Süden ist erst wieder die Antarktis.
Unter den Reisenden trifft man neben eher jungen Campern aus der ganzen Welt vor allem viele ältere australische Paare, die mit der Rente nun endlich ihr Land erkunden. Für sie gibt es auf der Nullarbor ein besonderes Highlight: An jedem Roadhouse können sie ein Loch des längsten Golfkurses der Welt spielen – nach dem langen Sitzen im Auto eine gute Abwechslung.
Die Spinne im Auto überlebt, machten wir uns auf zur Eyre Peninsula. In Port Augusta klapperten wir die obligatorischen Punkte eines jeden Campers ab, der in die nächste größere Stadt kommt (Visitor-Info, Woolworths (Supermarkt), Tankstelle, Kaffee und Eis :-)), als dunkle Wetterwolken aufzogen und es zu stürmen begann. Der Regen prasselte am Horizont nieder und wir fuhren los, den Regenwolken immer kurz vor der Nase davon. Am Abend erfuhren wir, dass das Unwetter in Port Augusta so schwer war, dass viele Orte ohne Strom waren und in Kalgoorlie im Inneren des Landes soll es zudem fünf Erdbeben gegeben haben, so dass die Minen schließen mussten. Sturm und Erdbeben – das war etwas unheimlich. Doch wir genossen den Abend ohne Strom und vor allem ohne Sturm, mit einem farbenfrohen Sonnenuntergang, den „Little Shags“ (australische Kormorane) auf dem Bootssteg und sanftem Meeresrauschen.
In Port Lincoln an der Südspitze der Halbinsel gönnten wir uns zur Abwechslung dann mal richtig Luxus: Wir kochten diesmal nicht im Auto oder in der Campkitchen (Campingplatzküche), sondern gingen aus. Im Del Gornios bestellten wir frischen Fisch und Wein bzw. Bier aus der Region. Mmmhh, das war yummy! Und für das Dessert besuchten wir ganz stilecht Maccas – wie McDonalds hier genannt wird – um das kostenlose, ewig langsame Wi-Fi (WLAN) für den nächsten Blogeintrag zu nutzen. Auch am nächsten Tag frönten wir dem Luxus und schlürften herrlich salzige Austern (Oysters) in Coffin Bay, übrigens für Ricarda die ersten überhaupt.
Nach einem frischen Bad im Southern Ocean gab es erneut eine unheimliche Begegnung mit den achtbeinigen Krabbeltieren. Dieses Mal überzogen Hunderte kleine Spinnen im Team und innerhalb nur einer halben Stunde die komplette linke Seite des Autos mit ihren Netzen. Ricarda stieg lieber über die Fahrerseite auf den Beifahrersitz und dann kämpften wir mit schnellem Fahrtwind gegen die Spinnenplage an. Und wo wir schon bei ekligen Tiergeschichten sind: Uns flog am späten Nachmittag ein kleiner grüner Papagei vor’s Auto – die Australier nennen das liebevoll „Road kill“. Gunnar hatte später die ehrenvolle Aufgabe, den toten Vogel aus dem Bugspoiler zu angeln und zu beerdigen (bzw. in den Busch zu werfen).